Die Moorkolonisation

Das Moor waren seit alters her in gewisser Weise genutzt worden. Die umliegenden Geestdörfer nutzten es als Brennstofflieferant, Gemeindeweide, zum Plaggenhieb (d.h. zur Düngung der Felder) und zur Materialbeschaffung für Besenbinder etc. Die Gemeinden nahmen das Moor, soweit es für sie von Nutzen war, in Anspruch. Der Bauer, dessen Land an das Moor stieß, hatte das sogenannte „Upstreekrecht“. Dies bedeutete, daß er in der Breite seines Grundstücks das Moor bearbeiten, nutzen, abgraben konnte, bis er auf die Parzelle eines anderen Bauern, einen Weg, ein Gewässer oder eine ähnliche Grenze stieß. Anfang des 17. Jh. begann man, sich etwas intensiver um die Moore zu kümmern und ihren Brennstoffreichtum planmäßig auszubeuten. Vor allem die Stadt Emden hatte einen hohen Bedarf an Brennstoff. So begann man 1633 in Großefehn mit der Verfehnung des Moores. Ein System, das in den Niederlanden entwickelt worden war.

Die Fehnkultur

Bei dieser Art der Moorurbarmachung muß zunächst ein Kanal in das Hochmoor hineingegraben werden, der zwei Funktionen erfüllt. Zum einen dient er zur Entwässerung des Moores und zum anderen als Transportweg für alle Arten von Gütern, hauptsächlich aber zum Abtransport des gestochenen und getrockneten Torfs und zum Rücktransport von Schlick und Stalldünger. Man beginnt am Kanal mit der Abtorfung und schafft so Platz für Wege und Bauplätze. Sowohl auf dem Hochmoor als auch auf der abgetorften Fläche wird Ackerbau betrieben, wobei die Hochmoorfläche sich von Jahr zu Jahr verringert. Diese Form der Moorbesiedlung setzte viel Kapital und eine gute Organisation voraus, weshalb Gesellschaften gegründet werden mußten. Außerdem nahm sie lange Zeiträume in Anspruch. Ein gutes Beispiel für diese Besiedlungsart ist Großefehn. Die schlechte wirtschaftliche Lage in Ostfriesland (Ostfriesland gehörte inzwischen zu Preußen) machte es im 18. Jh. jedoch unumgänglich, neue Flächen zur Besiedlung zur Verfügung zu stellen. Da sich die Fehnkultur als zu langsam erwies, sann man auf eine schnellere Form der Besiedlung. Am 22. Juli 1765 erließ König Friedrich II – der Große – das sogenannte „Urbarmachungsedikt“. Dies besagte, daß alle „Heyden und Moräste“ zu Staatseigentum erklärt wurden, das Upstreekrecht also seine Gültigkeit damit verlor. Es wurde jedem eine kleine Parzelle zugewiesen, der sein Glück im Moor versuchen wollte. So entstand auch eine neue Form der Moorbesiedlung, die Moorbrandkultur.

Die Moorbrandkultur

Ein Beispiel für diese Kulturart ist Moorlage. Hierbei wurde das Moor nicht abgetorft, sondern nur oberflächlich entwässert. Deshalb fehlt diesen Moor- kolonien der entwässernde Kanal. Im Herbst wurde die obere Schicht gehackt und den Winter über liegengelassen. Im Frühjähr wurde wieder gehackt und das Moor entzündet. Die entstehende Asche enthielt die wenigen Nährstoffe, die der angesäte Buchweizen benötigte. Man betrieb Landwechselwirtschaft und erreichte dadurch teilweise recht gute Ernten, die jedoch durch Nachtfröste sehr gefährdet waren. Nach 5 bis 7 Jahren Brennen war der Boden so sehr ausgelaugt, daß er eine Ruhezeit von 20 bis 30 Jahren benötigte. Dieser Umstand und die oft zu kleine Parzerlierung der Kolonate führte dazu, daß viele Kolonisten verarmten. Deshalb mußte in Ostfriesland 1848 eine „Moor- und Armen- Kommission“ genannte Behörde eingesetzt werden. Viele Kolonisten wanderten auch in die verlockende Neue Welt aus. Die Hoff- nungen auf ein schnelles und erfolgreiches Besiedeln der Moore hatte sich also nicht erfüllt und so wurde 1866 das Ansetzen von Hochmoorkolonaten auf der Grundlage der Moorbrandkultur beendet. Die preußische Regierung ließ die Besiedelung der Moore aber keineswegs fallen, sondern versuchte mit neuen wissenschaftlichen Methoden die Kolo- nisierung voranzutreiben. Man hatte erkannt, daß der Torfverkauf und das Moorbrennen keine Existenzgrundlage für künftige Siedler mehr war. Aus diesem Grund wurde 1876 in Bremen die Zentralmoorkommission mit einer Versuchsstation gegründet. Diese Kommission sollte neue Wege finden, ohne Brandkultur und Abtorfen eine rentable Hochmoorkultur zu betreiben. Diese neue Methode nannte man die „Deutsche Hochmoorkultur“.

Die Deutsche Hochmoorkultur

Man hatte zur Verwirklichung der Idee einen Trumpf in der Hand – das war der neu entwickelte Kunstdünger, der das Hauptproblem aller bisherigen Kolonisationsversuche, die Düngung des nährstoffarmen Moorbodens, beseitigen sollte. Man plante die Entwässerung der Hochmoorfläche durch Kanäle, aber ohne die bei der Fehnkultur folgende Abtorfung. Der Grundgedanke war, neues Ackerland zu schaffen, weil man dachte, auf dem Moor sei der Ackerbau den Wiesen und Weiden überlegen. Deshalb plante man, die Kultivierung fast ausschließlich durch Ackerbau mit großen Mengen an Kunstdün-ger voranzutreiben. Die siedlungswilligen Bauern sollten streng ausgewählt werden, da sie sich genau an die Anweisungen der Administration halten mußten, was Aussaat, Ernte und Düngung anging. Man wollte nichts dem Zufall überlassen. Die erste praktische Anwendung der Laborversuche sollte die Hochmoorkolonie Marcardsmoor sein, – so genannt nach dem Unterstaatssekretär im Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten, Eduard von Marcard, der sich um die Besiedlung der ostfriesischen Hochmoore große Verdienste erworben hatte.