1.3 Voraussetzungen für die Gründung der Kolonie Marcardsmoor

Das Zentrale Hochmoor verfügte bis 1866 über keinen durchgängigen Kanal zur Entwässerung (siehe Campsche Karte 1804). Die Fehnkanäle existieren zwar, es hätte jedoch etliche Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte gedauert, bis sich diese Fehne durch das Zentralmoor hindurchgearbeitet hätten.

Als Ostfriesland 1866 wieder in den preußischen Staat integriert wurde, nahm man den Plan des Baus eines Kanals durch das Moor wieder auf. Dieser Ems-Jade-Kanal wurde 1882 begonnen und schloß in Aurich an den bestehenden Kanal Emden- Aurich an. 1888 war der Kanal bereits fertiggestellt. Diese relativ kurze Bauzeit läßt sich durch den massiven Einsatz von Arbeitskräften und die militärische Wichtigkeit dieses Projektes erklären. Der militärische Aspekt scheint auch der Grund für die relativ kurze Moorstrecke des Kanals (10 km) zu sein, der nach ursprünglichen Plänen das Hochmoor für die Besiedlung vorbereiten und eine größere Fläche entwässern sollte. Durch diesen Kanal war es möglich geworden, militärische Güter von Emden nach Wilhelmshaven (geg. 1869) zu transportieren, ohne die offene See benutzen zu müssen.

Der Kanalbau selbst war eine müheselige Arbeit, weil alles von Hand gegraben und ausgeschoben werden mußte. Im Zentralmoor wurde auf 100 m Breite ausgehoben bei einer Moormächtigkeit von bis zu 5 m. Es kam häufig zu Handgreiflichkeiten unter den Kanalarbeitern, weil manchmal bis zu 400 Mann (aus dem gesamten deutschen Reich) auf einer Baustelle beschäftigt waren. Im Verlauf des Kanals gab es mehrere solcher Großbaustellen.

Nach Fertigstellung des Kanals entwässerte er jetzt (praktisch als Nebeneffekt) einen Teil des Zentralen Hochmoores und schuf trotz seines nicht optimalen Verlaufs die Voraussetzung für die weitere Besiedlung des Zentralen Ostfriesischen Hochmoores.

Eine weitere Voraussetzung schuf die Generalkommission in Hannover als sie 1888 ein 2092 ha (von 10 000 ha zur Verfügung stehender Gesamtfläche) großes Moorgebiet am Ems-Jade-Kanal zwecks Besiedlung und Kultivierung übernahm.

Man wählte das Gebiet südlich Wiesedermeer aus, weil es am Kanal lag, man sich somit die Hauptentwässerung einsparen und den Kanal außerdem noch als Verkehrslinie nutzen konnte.

Durchstich vom Nordgeorgsfehn-Kanal zum Ems-Jade-Kanal
Nordgeorgsfehn-Kanal-Bau 1902  Werkstatt-Heye Müller

Es galt jetzt, die in der Theorie angestellten Überlegungen in die Praxis umzusetzen. Die gesamte technische Leitung des Projektes Marcardsmoor lag bei der Königlichen Generalkomission in Hannover. Der Oberregierungsrat fungierte als Departmentsrat und ein Spezialkommissar hatte die Leitung in Aurich. Die örtliche Ausführung oblag dem Moorvogt.

Moorvogt Heinrich Helms

Der Moorvogt H. Helms war seit der ersten Stunde dabei. Er war vorher bei der Oldenburger Regierung beschäftigt gewesen und hatte sich als erfahre- ner Moorkulturtechniker bewährt. Die Leitung der Kolonie Marcardsmoor hatte er bis zum Jahr 1924, als Marcardsmoor selbständige Gemeinde wurde. Seine Tatkraft und Entschlossenheit, was die Moorbesiedlung anging, mag uns auch ein Zitat aus der von ihm geschriebenen Ortschronik belegen.

Zitat Helms: “Als hier 1890 mit der Kultur begonnen wurde, traf ich eines Tages im Moor mit einem alten Landwirt aus der Umgegend zusammen, welcher auf seinem bereits früher ausgewiesenen Buchweizenland beschäftigt war, und es entwickelte sich etwa folgendes Gespräch:
Bauer: Wie ick hört heff, willt ji hier Tuffels planten und Roggen seien, is dat so?
Meinerseits: Ja
Bauer: Kinners, sünd ji denn nich klok, smiet dat Geld so weg, dat schullenji man lever in Tasch holn. Denn wo vandag kien Bokweiten mehr wassen deit, da willt ji Tuffels planten und Roggen seien, nä so lateinschen Buern is nich to wahrn.

Wie ihm meinerseits darauf geantwortet wurde, wir wollten uns über 2 Jahre mal wieder sprechen, ich glaubte, dass er dann anderer Ansicht sei, bekam ich zur Antwort:
Bauer: Denn süntji gar nich mehr hier, denn isjo Geld all längst up.
Leider ist dieser Mann bald darauf verschieden und hat somit den Erfolg unserer Arbeit nicht mehr miterlebt.”

Zunächst musste man darangehen, die vorgesehene Siedlungsfläche für die ersten Siedler vorzubereiten. Dazu waren Wege von ausschlaggebender Bedeutung.

Man begann im Jahre 1890 damit, an der Südseite des Ems-Jade-Kanals in etwa 100 m Entfernung parallel zu ihm einen Hauptweg anzulegen – die sogenannte l. Reihe -. Weil das Moor nicht über die nötige Tragfähigkeit verfügte, wurde dieser 6 m breite Weg mit 30 cm Sand aus dem Kanalaushub bedeckt.

An diesem Weg entlang wurde ein Feldbahngleis gelegt, das die Verkehrsverhältnisse weiter verbessern sollte. Je zwei Kolonate lagen an einem Wirtschaftsweg dicht nebeneinander, dadurch war eine gute Nachbarschaftshilfe gewährleistet.

Die Hausstellen wurden ebenfalls übersandet und vorbereitet. Die einzelnen Kolonate sollten 10 ha groß sein, d. h. sie waren 750 m oder 800 m lang und 142 m oder 150 m breit. Damit wollte die Generalkommission die früher gemachten Fehler der zu kleinen Parzellen vermeiden. Um das Moorgebiet aber in der geplanten Weise nutzen zu können, mußte ebenfalls eine Entwässerung geschaffen werden.

Der Ems-Jade-Kanal diente als Vorfluter. Parallel zu ihm läuft ein breiter Hauptgraben, dazu rechtwinklig wieder die I m tiefen und I m breiten Grenzgräben, die je zwei Kolonate voneinander trennen. Auf den Feldern wurden je nach Nutzungsart ca. 50 cm tiefe Grüppen angelegt. Damit beschränkte man sich in Marcardsmoor also auf eine reine Oberflächenentwässerung.

1.3.1 Der Hausbau und die Kolonatsvorbereitung

Nachdem diese Voraussetzungen durch die Generalkommission geschaffen worden waren, konnte ein Bauunternehmer damit beginnen, Kolonistenhäuser zu bauen.

Auch hier beschritt man in Marcardsmoor völlig neue Wege. Die Häuser wurden als „schwimmende Gründungen” direkt oben auf das Hochmoor gebaut, da an ein normales Fundament bei einer Moormächtigkeit von 3 bis 9 m nicht zu denken war. Um diese Häuser besonders leicht zu machen, wählte man die sonst in Ostfriesland nicht übliche Fachwerkbauweise.

Die Fachwerkfüllung der Häuser bestand zunächst aus Torfsoden, was sich aber wegen der dauernden Feuchtigkeit nicht bewährte. Auch das Holz des Fachwerks begann zu faulen und die Häuser bekamen Risse und wurden undicht. Deshalb begann man, die Wetterseite der Häuser mit Holz zu verkleiden, und nach 10 bis 15 Jahren mußte oftmals ein Fundament aus Klinkern eingefügt werden. Aus diesen Gründen haben sich leider nur ein paar dieser Häuser bis in unsere Tage erhalten lassen.

Der Preis dieser Häuser betrug damals 4000 Mk. Später wurde auch in Marcardsmoor der ostfriesische Baustil eingeführt, wobei der Preis durch Gefangenenarbeit bei 5000 Mk lag (vergl. auch Kapitel Gefangenenarbeit).

Haus Ubbe Ideus
Haus Harm Eiben
Haus Tebbe Barkhoff
Haus Diedrich Rahmann
Haus Malermeister Wattjes

Die Generalkommission tat aber noch ein weiteres, um den Kolonisten den Anfang zu erleichtern. Die Kolonate wurden bereits teilweise kultiviert. Es wurden zwei jeweils I ha große Flächen vorbereitet. Der Boden wurde gehackt, gekalkt, gedüngt, eine Fläche mit Roggen und eine mit Kartoffeln bepflanzt. Dann kam jährlich ein mit Roggen bestellter Schlag hinzu.

Außer diesen Anbauflächen wurde für den späteren Siedler auch noch das Gartenland vorbereitet und bestellt. Durch diese Maßnahmen erhoffte sich die Generalkommission eine schnelle Kultivierung der Moorflächen.

1.3.2      Die Auswahl der Siedler

Der Siedler konnte, wenn er sein Kolonat übernahm, gleich ein festes Haus beziehen und die erste Ernte einbringen, ohne daß er das erste Jahr schon den Boden bearbeiten mußte. An den Siedler wurden dafür zwei Bedingungen gestellt:

  1. Er mußte Ostfriese sein
  2. Er mußte 300 bis 400 Mk nachweisen, die bei der Bank als Kaution hinterlegt wurden

Der Moorvogt Helms mußte sich die Siedler aussuchen. Dabei widmete man der Auswahl der Siedler die größte Aufmerksamkeit. Sie stammten aus kleinbäuerlichen Kreisen der umliegenden Dörfer oder waren Knechte oder Arbeiter. Anfangs wurde eine Auskunft über sie beim Gemeindevorsteher eingeholt. Da sich später zeigte, daß diese oft ein zu günstiges Urteil abgaben, um gewisse Leute loszuwerden, wurden später Urteile von Ortsgeistlichen, Gemeindevorstehern und der Ortspolizei eingeholt.

Man wollte nur gute Siedler in Marcardsmoor.

Die Kolonisten erhielten ihr Kolonat die ersten 10 Jahre probeweise, um ihre Eignung überprüfen zu können. Danach konnte es in ein Rentengut umgewandelt werden. Der Fiskus ist der Eigentümer von Gebäude und Land und bezahlt die Steuern und die Versicherungen. Der Kolonist hat zwei Freijahre, muß dann aber 30 Mk pro kultiviertem Hektar Pacht zahlen. Er muß sich an den Kulturplan des Moorvogts

halten und darf nur das urbar gemachte Gelände nutzen. Er muß auch das Haus ordnungsgemäß instand halten und Reparaturen bis zu 2 Mk selbst ausführen. Er durfte nicht ohne Genehmigung verkaufen und haftete mit seinem vollen Vermögen.

Es waren in dem Pachtvertrag auch mehrere Möglichkeiten vorgesehen, das Pachtverhältnis erlöschen zu lassen:

  1. Der Kolonist starb
  2. Wenn der Kolonist in Konkurs geriet
  3. Durch jährliche Kündigung durch den Kolonisten
  4. Durch eine halbjährliche Kündigung durch die Generalkommission
  5. Wenn der Kolonist 4 Wochen nach der Fälligkeit (l. Oktober) die Pacht noch nicht bezahlt hatte
  6. Wenn der Kolonist die Arbeit auf dem Kolonat aufgab
  7. Wenn der Kolonist renitentes Verhalten oder einen unordentlichen Lebenswandel an den Tag legte.

Der Kolonist mußte dem Moorvogt unbedingt Folge leisten und durfte keinen Nebenerwerb betreiben. Er konnte sich nur Geld verdienen, indem er bei der Kultivierung des Moores mithalf. Dabei verdiente er 2,20 Mk im Sommer und 1,75 Mk im Winter pro Tag. Von diesem Lohn wurden allerdings 25 % auf das Sparbuch des Siedlers überwiesen, um so die Kapitalbildung zu fördern. Man sieht, daß die Generalkommission alles genau geplant hatte und die Siedler sehr stark in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt waren. Sie wurden praktisch zu landwirtschaftlichen Arbeitern, genossen allerdings auch Vorzüge, wie sie bisher in der Geschichte der Moorkultivierung einmalig waren.

Wer die gestellten Bedingungen erfüllte, und wen die gemachten Auflagen nicht störten, kam als Kolonist für Marcardsmoor in Betracht. Trotz der strengen Auswahl kam es irn Verlauf der Besiedlung Marcardsmoors mehrfach zu Siedlerwechseln, wofür die verschiedensten Gründe verantwortlich waren.