1.6 Gefangenenarbeit in Marcardsmoor

Dem Einsatz von Gefangenen bei der Besiedlung von Marcardsmoor kommt eine besondere Bedeutung zu, deshalb soll darüber in einem eigenen Kapitel berichtet werden.

Die Generalkomrmssion hatte sich vorgenommen, den neuen Siedlern bereits fertig bestellte und mit einem Haus versehene Kolonate zu übergeben. Das bedeutete eine Menge Arbeit. Man mußte Arbeiter anwerben, doch dies erwies sich als nicht so einfach. Obwohl man gute Löhne (2 Mk pro Tag) zahlte, und auch die Siedler mithalfen, die Kolonate vorzubereiten, bekam man Schwierigkeiten, genügend Arbeitskräfte zu finden. Hinzu kam noch, daß die Siedler mit dem Fortschreiten der Kultivierung so viel Arbeit auf ihren Kolonaten hatten, daß sie manchmal nicht in der Lage waren, die Ernte aus eigener Kraft einzubringen.

Man entschloß sich deshalb 1893, bei der Gefangenenabteilung in Münster/Westf. Leute anzufordern. Dadurch sollten die Arbeiten beschleunigt und verbilligt werden, weil die Gefangenen nur 50 Pfbis I Mk pro Tag an Lohn erhielten. Auf etwa 20 Freiarbeiter kamen 40 – 50 Gefangene. Man machte gute Erfahrungen mit den Gefangenen, da es sich um ausgesuchte Sträflinge handelte, die entweder bereits einen großen Teil ihrer Strafe verbüßt hatten oder eine gute Führung nachgewiesen hatten. Manchmal war man mit ihnen jedoch nicht vollends zufrieden. So beschwerte sich Helms, daß die Leute nicht in der Lage seien, ein regendichtes Dach zu decken. Das lag daran, daß die Gefangenen keine Ostfriesen waren und die hiesige Technik des Dachdeckens mit Strohdocken nicht verstanden.

Die Aufsicht übernahmen teilweise der Moorvogt, die Poliere oder die Vorarbeiter, die dafür zu Hilfsaufsehern vereidigt wurden. Die Gefangenen waren nicht nur damit beschäftigt, neue Kolonate vorzubereiten, sondern konnten auch von den bereits ansässigen Siedlern für Erntearbeiten „entliehen” werden, Dafür mußte der Siedler dann 90 Pfpro Mann und Tag an die Gefängnisverwaltung zahlen. Im Winter wurden sie mit Mattenflechten u.ä. beschäftigt. Die Gefangenen wurden zunächst in einem Kolonistenhaus untergebracht, das auf einem Kolonat bei der Moorvogtei stand.

Man verzeichnete jeden Monat Zu- und Abgänge, wobei die neuen Gefangenen mit einer Eskorte von Wittmund abgeholt werden mußten. 1908 reichte das alte Haus nicht mehr aus und es mußte vergrößert werden. Die schwere Arbeit der Kolonatsvorbereitung wurde ihnen 1914 durch das Anschaffen des Landmotors sehr erleichtert und von nun an konnte man ihren Schlachtruf „Hacke hoch, der Grimm kommt” (wobei mit Grimm der Moorvogt Helms gemeint war nicht mehr so oft hören.

Im Jahr 1915 wurden die Strafgefangenen durch Kriegegefangene, namentlich Engländer, Serben, Russen und Franzosen, ersetzt. Für sie wurde ein neues Kriegsgefangenenlager am Schafweg gebaut. Dieses Lager mußte größer sein, da mit 250 bis 300 Gefangenen gerechnet wurde. Sie wurden jeden Morgen auf die Kolonate verteilt, auf denen die Männer fehlten, die sich im Krieg befanden. Nach diesen Gefangenen wurden 2 Gräben mit Russenschloot benannt, weil sie auch an der Entwässerung Marcardsmoors arbeiteten.

Nach Kriegsende übernahm die Justizvollzugsanstalt Lingen die Lagergebäude und errichtete eine Außenstelle. In den 30er Jahren dann wurde das Lager aufgelöst und künftig als VVohnbaracken genutzt. Nach dem Ende des II. Weltkrieges brach man diese Baracken ab.

Doch bereits 1940 mußte ein neues Kriegsgefangenenlager eingerichtet werden. Es wurde dafür kein neues Haus gebaut, sondern der Getreideboden des Kunstdüngerschuppens mußte umgebaut werden. Es kamen ca. 100 Kriegsgefangene, zumeist aus Polen und Frankreich. Auch diese Gefangenen wurden wieder zur Arbeit bei den Siedlern eingeteilt. Bis zum Kriegsschluß 1945 waren diese Gefangenen in Marcardsmoor.

Nicht vergessen werden soll an dieser Stelle das Strafgefangenenlager bei der Domäne, das jedoch nicht zu Marcardsmoor gehörte. Man sah die Gefangenen dann mit einem Bein auf den Feldbahnloren knien. Mit dem anderen Bein stießen sie sich

vom Boden ab. So sah man sie über die Gleise von Marcardsmoor zur Domäne fahren.

Man kann sagen, dass in Marcardsmoor von 1890 bis in die 40er Jahre unseres Jahrhunderts fast ununterbrochen Gefangene beschäftigt waren. Sie haben dabei sicher durch ihre Arbeitskraft geholfen, die anfangs schwere Arbeit in der neuen Kolonie bewältigen zu helfen.

Später waren sie als Erntehelfer oft unentbehrlich, da die Mechanisierung in der Landwirtschaft noch nicht ausreichte, um auf Arbeitskräfte verzichten zu können. Man kann also durchaus behaupten, dass sie zum Gelingen des Versuchs Marcardsmoor einen großen Anteil beitrugen. Ohne sie wäre sicher manches Kolonat aus Arbeitskräftemangel nicht kultiviert worden.